Die Sünde der Brillenträger

Ich bin Brillenträger. Bin auch Sünder. Nicht weil ich Brillenträger bin, obwohl Brille tragen auch etwas mit Sünde zu tun hat. Lasst mich erklären.

In der Bibel, genauer gesagt im Neuen Testament – das auf griechisch geschrieben wurde – ist das Wort für Sünde: ‘hamartia‘ (ἁμαρτία). Hamartia bedeutet buchstäblich ‘Verfehlen’, oder ‘nicht treffen’. Dieses Wort wurde verwendet, wenn jemand, zum Beispiel, das Ziel beim Bogenschießen nicht getroffen hat. Er hat ‘verfehlt’. Er hat das Ziel nicht getroffen. Er hat einen ‘Fehler’ gemacht.

Für mich ist die ursprüngliche Bedeutung von hamartia ein interessantes und hilfreiches Bild von Sünde: das Verfehlen, zu kurz kommen, am Ziel vorbei schießen, nicht treffen. Und genau das tritt ein, wenn wir über Brillenträger reden. Die ‘Sünde’ ist der Grund, warum sie Brille tragen müssen. Sünde im Sinne von Verfehlen bzw. nicht treffen. Damit ein Objekt scharf in Fokus bleibt, muss das reflektierte Licht vom Objekt genau auf die Netzhaut des Auges fallen. Wenn diese Lichtstrahlen das Ziel verfehlen (hamartia), sieht das Bild unscharf aus. Nichts ist in Fokus. Alles ist schwer zu erkennen. Und wenn ich nicht richtig sehen kann, mache ich Fehler!

DSC_0276In der Bibel beschreibt der Apostel Paulus deswegen die Sünde als eine Art Blindheit. Hier ein Abschnitt aus dem 9. Kapitel meines Buches dazu: “Ich glaube der Apostel Paulus beschreibt in der Bibel sehr gut, dass wir die Dinge in dieser Welt nicht ganz klar erkennen können. Paulus sagt, es sei, als würden wir durch eine Milchglasscheibe schauen, so dass wir nicht richtig scharf sehen. Vielleicht ist es wie die geistliche Version des Treibhauseffekts bei dem unsere Welt in einer solchen Unordnung ist, dass die Fenster zu beschlagen sind, um hinaussehen zu können – um Gott sehen zu können und das, was im Leben wirklich zählt.”

In diesem Sinne sind wir alle ‘Brillenträger’. Keiner von uns ist perfekt. Unsere (geistliche) Blindheit verhindert zum Beispiel, dass wir unsere Nächsten sehen. Und dass wir meistens nur die sehen, die ticken, wie wir. Die anderen aber sind zu oft für uns unsichtbar. Unsere hamartia führt dazu, dass wir oft nur das sehen, was wir sehen wollen. Zum Beispiel die Schwächen der Anderen sehen – so etwas können wir mit links. Aber unsere eigenen Fehler zu sehen….das ist etwas völlig anders.

Wenn du mich fragst…wir brauchen alle eine Brille – eine geistliche Sehhilfe. Es gibt auch genügend Modelle da draußen. Darf ich dir einige empfehlen, die ich persönlich für hilfreich gefunden habe? Gebet – mit Gott reden und auf Ihn hören. Es ist erstaunlich wie oft Dinge für mich danach klar werden. Noch etwas – Predigt hören bzw. Bibel lesen. Dadurch bekomme ich ein besseres Bild von Gott,  von meinen Mitmenschen und von mir selber und meinem Platz auf dieser Erde. Diese ‘Brillen’ haben mir immer wieder geholfen, einen neuen Fokus zu bekommen. Sie prägen mein Leben und schenken mir Orientierung, Hoffnung und oftmals eine klarere Sicht der Welt.

Ich bin Sünder. Ich bin Brillenträger. Du auch? Welche ‘Brille’ hilft dir?

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

Gott hat keine Enkelkinder

Zur Erinnerung – und für alle Newcomers – bitte Punkt 2 hier merken. Danke :)

Gott hat keine Enkelkinder, nur Kinder. Trotzdem hat er einen Platz und einen Plan für Großeltern.

In einer meiner ehemaligen Kirchengemeinden gab es viele sogenannte Spätaussiedler aus Sibirien oder aus Kazakstan. Sie waren alle ältere Frauen, Babuschkas – Großeltern, die mit ihrer Hingabe und Herzlichkeit unsere Gemeinde sehr bereichert haben. Diese Frauen haben kein einfaches Leben in der Soviet Union gehabt. Obwohl sie in Russland geboren und aufgewachsen sind, wurden sie wegen ihrer ‘deutschen’ Herkunft von den ‘Einheimischen’ verachtet. Sie durften weder ihre deutsche Sprache sprechen noch ihren christlichen Glauben in der Öffentlichkeit ausüben. Deswegen hatte ich oft feuchte Augen, als ich diese lieben Babuschkas aus ihrer Lutherbibel von der Bibelstunde vorlesen hören habe.

Der christliche Glaube und die deutsche Sprache waren diesen Frauen so wichtig, dass sie sie ihren Enkelkindern heimlich weitergegeben haben. Sie würden leise im Keller ihres Hauses mit den Enkelkindern auf deutsch reden und ihnen Geschichten erzählen. Sie haben damit eine entscheidende Rolle gespielt.

Auch heute brauchen wir deIMG_5521n unersetzlichen Input der Senioren in unserer Gesellschaft. Es gibt Beweise genug, dass ältere Menschen eine besondere Rolle unter der übernächsten Generation spielen. Großeltern haben oft die Möglichkeit, ihre Enkelkinder (oder Nachbars Kinder) positiv zu beeinflussen. Kognitive Psychologen reden hier von ‘formeller Logik’ und ‘dialektischer Logik’. Bei der Erziehung der Kinder fokussieren Eltern hauptsächlich auf die formelle Logik. Hier geht es um die Fähigkeit richtig zu analysieren; Antworten finden; schwarz-weiß denken; zu unterscheiden zwischen richtig und falsch. Dies alles ist natürlich für ein Kind wichtig. Großeltern könnten aber die übernächste Generation (ihre Enkelkinder) helfen, das Positive in dialektischer Logik zu finden. Dialektische Logik erkennt die Komplexität des Lebens und ist eher bereit auch mit Fragen zu leben, als immer nur Antworten haben zu müssen. Diese Art von Logik toleriert Widersprüche und kann mit Paradox leben. Beide Formen der Logik sind für eine gesunde Entwicklung eines Kindes / Teenagers wichtig.

Ich lebe in der ältesten Stadt Deutschlands…aber nicht wie du meinst. Chemnitz ist die Großstadt mit dem ältesten Durchschnittsalter der Bürger in Deutschland. Das heißt in Chemnitz sind wir mit dialektischer Logik eigentlich reich gesegnet! Auch in vielen Kirchengemeinden gibt es viele ältere Menschen. Manchmal wird eine Gemeinde deswegen als überaltert beschrieben. Das hat aber einen negativen Touch, der gar nicht gerecht ist. Könnte es nicht sein, dass diese Gemeinden mit Senioren reich gesegnet sind? Mit Lebenserfahrung, die eine unglaublich positive Kraft in der Gesellschaft sein könnte. Mit den Narben und Wunden eines langen Lebens, die auch eine Geschichte mit viel Weisheit erzählen könnten.

Unsere Gesellschaft braucht den Einsatz der Älteren! Gott hat keine Enkelkinder, aber wir schon, und sie brauchen ihre Großeltern vielleicht mehr denn je!

Blessings

Barry

PS – Blog abonnieren? Siehe rechts.

PPS – Mein Buch mit Widmung? Kein Problem. Sag Bescheid.

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

Je suis Mensch

Wusstest du, es gibt Ausländer und dann gibt es Ausländer? Bei einer Veranstaltung heute habe ich dies wieder erfahren. Ich habe bei dieser Veranstaltung von besorgten Bürgern meiner Stadt gehört, wie sie Angst haben, dass Flüchtlinge in Nachbarwohnungen einziehen. Es war diesen Bürgern sehr wichtig zu wissen, wo genau die Flüchtlinge herkommen. Scheinbar sind nicht alle Ausländer gleich. Einerseits klar. Andererseits irgendwie traurig.

look closely

Auf den ersten Blick scheint vieles unverständlich.

Dies wurde mir aber wieder klar, als ich letzte Woche einen sehr interessanten Artikel (auf Englisch) über Ausländer in der Guardian-Zeitung gelesen habe. Weiße, aus sogenannten Erste-Welt-Ländern, die in andere Länder umziehen, nennen sich ‘expats‘. Dies ist eine Abkürzung für ‘expatriate‘, aus dem Lateinischen ex patria (out of the fatherland). Die umgezogenen Weißen nennen sich nicht ‘Migranten’. Auch nicht ‘Menschen mit Migrationshintergrund’. Nein, der Begriff ‘Migrant’ wird für andere ‘Ausländer’ aufgehoben, nämlich für Menschen aus sogenannten Dritte-Welt-Ländern.

Die Begriffe, die wir verwenden, um ‘Ausländer’ zu beschreiben, sagen viel aus. Begriffe beeinflussen unsere Einstellung gegenüber Fremden. Aber sind manche Ausländer irgendwie ‘besser’ als andere Ausländer? Als Nachbar eher erwünscht? Wen hättest du zum Beispiel gern in der Nachbarwohnung nebenan? ‘Expats’ oder ‘Flüchtlinge’? Auswanderer oder Migranten? Oder einfach nur… Menschen?

risk peace

Jesus sagt: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

In erster Linie sind sie alle MENSCHEN! Das war mein Beitrag in der Runde heute. Labels sind unhilfreich, und im schlimmsten Fall können sie gefährlich sein. Labels stecken Menschen in Schubladen. Schlimm ist es, wenn Labels, wie ‘Expat’ verwendet werden, um Vorteile gegenüber anderen Auswanderern zu gewinnen. Schlimm ist es auch, wenn Labels, wie ‘Migranten’ dazu führen, dass Menschen schlecht abgestempelt werden. Die technische Begriffe sind natürlich wichtig, aber wir dürfen nie vergessen: in erster Linie handelt es sich um Menschen! Erst wenn ich einen Menschen, und kein ‘Label’, vor mir sehe, ist Beziehung möglich. Und darum muss es gehen – Beziehung! Trotz Unterschieden. Trotz Hautfarbe. Trotz Religion. Trotz Herkunft. Trotz Vorgeschichte. Wie dieses Video zeigt, ist Fremdenhass widerlich.

Ich bin Nordire und ich lebe in Deutschland. Das heißt, ich bin (k)ein Expat. Ich bin (k)ein Ausländer. Ich bin (k)ein Mensch mit Migrationshintergrund. Ich bin (k)ein Migrant.

Ich bin auch nur ein Mensch. Gott sei Dank.

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

Happy Saint Patrick’s Day!

Patrick zu Ehre könnt ihr einen Abschnitt aus meinem Buch “Pilgern auf Irisch” lesen. (Deutsch und Englisch)

In honor of Saint Patrick I include here a few paragraphs from my book (currently only available in German):

ENGLISH (Deutsch weiter unten)

Patrick was captured in Britannien by celtic invaders and brought back to Ireland as a slave. Patrick played a major role in the spread of Christianity in Ireland.

“Julius Caesar invaded Britain in 55 BC, extending Rome’s Empire to the western edges of Europe. By AD 82 Gnaeus Julius Agricola, then governor of Britain and in command of the XX Legion and the Irish Sea flotilla, was ready to set sail for Ulster in order to conquer this island (Hibernia) for the Empire. However, it was never to be. A legion of German conscripts stationed in Galloway mutinied, forcing Roman Emperor DomCeltic Cross 065itian to order his governor north to quell the disturbances. By the time Governor Agricola returned, the cracks in the Roman Empire were beginning to show, and the Romans were now forced to retreat behind Hadrian’s wall, with other matters to occupy them rather than an invasion of Ulster.
Thanks to the Germans, Ireland remained unconquered by the Romans, and as a result we had to wait another nineteen hundred years for decent straight roads!
In the fourth and fifth centuries the Roman Empire was facing attack from German speaking peoples from central and northern Europe. This led to more and more legions being withdrawn from the outposts of the Empire to defend Rome, leaving Roman Britain prey to barbarian invaders. The Picts attacked from the north, the English from the east, and the Irish from the west. The raiding Irish tribes brought back treasures or captives from Roman Britain to Ireland, one of them being a young man called Patricius (Patrick), who along with others would ensure that if the Roman Empire did not reach Ireland, at least its religion would.
As a slave, Patrick tended sheep for six years in the area known today as County Antrim in Northern Ireland. Facing constant coldness and hunger, he was comforted and strengthened by his Christian faith, until he was finally able to escape on a pirate ship and return to his native Britain. God, who obviously has a sense of humour, then appeared to Patrick in a vision, calling him back to Ireland, this time as a missionary, bringing the Christian faith to his one-time captors. When I see how the two sides of the religious divide in Northern Ireland fight over Saint Patrick and whose side he would be on today, I despair. I can’t help thinking how great it would be if more Ulster people experienced and lived out their faith the way Patrick did – a faith that enables one not only to move on from the past, but to actually go back and serve the ones who caused you so much hurt in the past. Now that’s what I call conversion!” (From chapter 2, Pilgern auf Irisch)

DEUTSCH

Der 17. März ist Saint Patrick’s Day. Patrick wurde bei einem Angriff auf Britannien von den Kelten gefangen genommen. Durch ihn wurde das Christentum in Irland verbreitet.

“Julius Cäsar marschierte im Jahr 55 vor Christus in Britannien ein und erweiterte damit die Grenzen des Römischen Reiches bis an die westlichen Ränder Europas. Gnaeus Iulius Agricola, damals Statthalter Britanniens und Kommandeur der XX. Legion sowie der Flottille in der Irischen See, hatte sich im Jahr 82 nach Christus bereit gemacht, die Segel in Richtung Ulster zu setzen, um die Insel Irland (Hibernia) für das Reich einzunehmen. Was allerdings nie geschah. Eine in Galloway stationierte Legion deutscher Rekruten meuterte, so dass der Römische Kaiser Domitian gezwungen war, seinen Statthalter nach Norden zu senden, um dort den Aufstand niederzuschlagen. Als der Statthalter Agricola zurückkehrte, zeigten sich erste Risse im Römischen Reich und die Römer waren gezwungen, sich bis hinter den Hadrianswall zurückzuziehen, wo sie mit ganz anderen Dingen als einer Invasion in Ulster beschäftigt waren.
Den Deutschen haben wir es also zu verdanken, dass Irland von den Römern nicht besiegt wurde – was zur Folge hatte, dass wir weitere neunzehnhundert Jahre warten mussten, bis wir vernünftige, gerade Straßen bekamen.
Im vierten und fünften Jahrhundert wurde das Römische Reich von deutschsprachigen Völkern aus Mittel- und Nordeuropa angegriffen. Das führte dazu, dass immer mehr Legionen von den Außenposten des Imperiums abgezogen wurden, um Rom zu verteidigen. Das römische Britannien hingegen wurde barbarischen Eroberern als Beute überlassen. Die Pikten griffen aus dem Norden an, die Engländer aus dem Osten, die Iren aus dem Westen. Plündernde irische Stämme brachten Schätze und Gefangene aus dem römischen Britannien mit nach Irland. Einer dieser Gefangenen war ein junger Mann namens Patricius. Nachdem die Römer nicht bis Irland gekommen waren, sorgte er zusammen mit anderen dafür, dass zumindest ihre Religion es schaffte.
Als Sklave hütete Patrick sechs Jahre lang Schafe in einer Gegend, die in Nordirland heute als County Antrim bekannt ist. Er litt ständig unter Kälte und Hunger, wurde aber bei allem durch seinen christlichen Glauben getröstet. Eines Tages gelang ihm auf einem Piratenschiff die Flucht und er kehrte zurück in sein Heimatland Britannien. Aber Gott, der offensichtlich Sinn für Humor hat, erschien Patrick im Traum und rief ihn zurück nach Irland. Dieses Mal sollte er als Missionar dort hingehen, um seinen ehemaligen Entführern den christlichen Glauben zu bringen. Wenn ich daran denke, wie beide Seiten der religiösen Kluft in Nordirland sich heute um den heiligen Patrick streiten und darüber, auf welcher Seite er stehen würde, könnte ich verzweifeln. Ich stelle mir oft vor, wie großartig es wäre, wenn noch mehr Menschen aus Ulster ihren Glauben so erfahren und leben würden, wie Patrick es getan hat. Ein Glaube, der nicht nur dazu befähigt, nach vorn zu blicken und weiterzugehen, sondern auch dazu, zurückzugehen und gerade denen zu dienen, die einem so viel Schmerz und Verletzung zugefügt haben. Denn das ist wahre Bekehrung.” (Pilgern auf Irisch)

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

Shared Space

Bin seit gestern nach zwei Wochen Urlaub wieder in Deutschland. Ich war mit meiner Frau und unserem Sohn in Chile, um unsere Tochter zu besuchen. Sie macht ein Auslandsjahr dort und arbeitet als Ehrenamtliche in einem Kindergarten in Santiago.

Chile ist ein wunderschönes Land. Wir haben viel sehen können, sind Tausende Kilometer gefahren und haben trotzdem nur das Bruchteil eines Prozentes des Landes entdecken können! Immer wenn ich im Ausland bin, interessiere ich mich für die Unterschiede zu meiner Heimat (egal ob Deutschland oder Nordirland). Die Sitten sind anders. Die Leute sehen vielleicht anders aus. Sie verhalten sich anders. Sie glauben anders. Sie essen anders. Und… sie fahren anders.

IMG_5949

Mann wartet, um die Autobahn zu überqueren

Die Autobahn “Ruta 5″ läuft ca. 3500 Km durch ganz Chile – zweispurig mit 120 Km/h Tempolimit. Es gibt nicht zu viel Verkehr und die Straße ist im guten Zustand – über einer Strecke von ca. 3000 Km hatten wir nur ca. 5 Km Baustellen. Also ganz angenehm zu fahren. Aber ich bin diese Autobahn nicht lang gefahren, als ich gemerkt habe, dass sie anders ist als die Motorways in Europa. Ganz anders! Die Autobahn in Chile ist offensichtlich ein “Shared Space”, ein geteilter Platz, ein Platz nicht allein für PKWs und LKWs. Nein, hier sind alle gemeinsam unterwegs: Fahrräder fahren (in beide Richtungen!) auf dem Seitenstreifen (außer wenn sie die Autobahn überqueren wollen); Bushaltestellen die ganze Strecke entlang; Fußgänger (mit und ohne Hund (ohne Leine)), die den Seitenstreifen nutzen (außer wenn sie dann die Autobahn überqueren wollen, um auf den anderen Seitenstreifen zu laufen); Menschen auf Pferde; unglaublich viele Hühner, die am Rand und auf dem Seitenstreifen nach Futter suchen; Einkaufsbuden auf dem Seitenstreifen; Kreuzungen, wo Fahrzeuge die 4 Spuren der Autobahn (meistens heil) überqueren. Also, alles was es bei uns nicht gibt, gibt es hier bei der chilenischen Autobahn! Ich habe immer wieder staunen müssen und war oft sprachlos über das, was ich erlebt habe.

ABER… es funktioniert! Es geht! Für die Chilene ist es ganz normal. Jeder kennt die Regeln und weiß, wie er sich zu verhalten hat. Sogar die Hühner!

So verrückt wie dieses Chaos uns Europäer erscheint…es geht. Und warum? Sie nehmen Rücksicht aufeinander. Sie verstehen das Prinzip “Shared Space”. Sie teilen den Raum miteinander. So gelingt es ihnen, die ganze Strecke voll zu nutzen. Die Seitenstreifen ist nicht nur für kaputte stehengebliebene Autos da, sondern kann die ganze Zeit von Fußgänger und Fahrräder benutzt werden. Nun, ich habe nicht erforscht, ob die Todesfälle in Chile höher sind, als auf europäische Autobahnen, und ja, Sicherheit immer zuerst und so weiter und so fort….aber das Bild der chilenischen Autobahn macht mich nachdenklich. Zum Beispiel, wie wäre es, wenn unsere Kirchen zum Shared Space designiert wären. Multifunktional. Nicht nur sonntags benutzt, sondern von anderen Menschen an anderen Tagen. In überraschenden, unerwarteten Wegen? Ohne Leine? Was könnte Shared Space für die Kirche bedeuten?

Und was könnte die Idee von Shared Space für unsere Gesellschaft bedeuten? Auch hier werde ich nachdenklich. Bin ich bereit, mein “Space” mit anderen zu teilen? Dürfen auch andere hier “fahren”, oder ist es nur für Bestimmte erlaubt? Platz mit Gleichgesinnten zu teilen, ist vielleicht nicht so schwer. Aber bin ich bereit, Platz mit Andersdenkenden zu teilen? Interessiere ich mich lieber für ‘meine Rechte’, anstatt Rücksicht auf andere Menschen zu suchen? Nur so kann das Konzept “Shared Space” funktionieren.  Ja, Gesetze helfen, sind sogar nötig. Aber ich glaube, dass Shared Space eigentlich nur wirklich gelingen kann, wo Menschen locker, geduldig, rücksichtsvoll und demütig genug sind, tatsächlich teilen so wollen.

Übrigens, diese Erde ist ein Shared Space. Comprendez?

Blessings,

Barry

 

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

Segen sein

Viel ist seit meinem letzten Eintrag passiert. Unter anderem:

 

– Ich war beruflich viel unterwegs…. in einigen tollen Gemeinden und Orten in ganz Deutschland

INSPIRE, unser Projekt auf dem Brühl in Chemnitz ist seit 2 Wochen geöffnet!!!

– die erste Auflage meines Buches “Pilgern auf Irisch” ist schon ausverkauft. Die 2. Auflage gibt es noch im Februar :-)

– unsere Tochter (in Chile) hat heute ihr Weihnachtsgeschenk von uns erhalten (Geschickt haben wir es im November!)

 

Und weil ich wieder Stress und keine Zeit zum Blog-Schreiben habe, schlage ich vor, dass ihr dieses schönes Interview liest. Es geht eigentlich um den Geheimtipp unter deutschen Städten – Chemnitz. Mit Fotos von INSPIRE :-) Ihr werdet lesen, dass ich diese Woche “Macher der Woche” bin. Das ist gut so, weil nächste Woche mache ich Urlaub. Wir fliegen nach Chile, um u.a. ein Gespräch mit der chilenischer Post zu führen 😉

Bis zum nächsten Mal.

Blessings

Barry

 

 

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone

Dein Beitrag zählt!

Gestern habe ich zwei sehr ermutigende Nachrichten bekommen.

Die erste kam durch eine Begegnung mit einem Pastorenkollegen, den ich seit knapp zwei Jahren nicht gesehen habe. Ich hatte einen Seminartag mit ihm in seiner Gemeinde gemacht. Die Gemeinde war damals mitten in einem Zielfindungsprozess und ich sollte ihnen helfen, den Blick für ihre Nachbarschaft zu gewinnen, damit sie dort ein Segen sein könnte. Der Seminartag lief gut, aber ich hatte seitdem nicht erfahren, wie die Gemeinde sich entwickelt hat. Bis gestern. Der Pastor erzählte mir wie seine Gemeindeglieder sich beim Seminartag angesprochen gefühlt haben und was alles Neues aus diesem Tag herausgekommen ist. Zum Beispiel: ein Elternkindkreis für behinderte Kinder; Gottesdienste 4 Mal im Jahr im Gefängnis; Tafel-Fahrdienst für ältere Menschen, die die kostenlose Lebensmittel vom Tafel selber nicht abholen können. Natürlich sind diese neu entstandenen Dienste das Ergebnis eines langen Prozesses unter der guten Leitung des Gemeindepastors, aber es ist für mich ermutigend zu wissen, dass ich auch einen Beitrag dazu leisten konnte.

Die zweite gute Nachricht, die ich gestern bekommen habe, kam in Form eines Briefes. Ich kannte den Absender des Briefes nicht persönlich, nur vom Namen. Er ist 88 Jahre alt und ein Pastor in Ruhestand. Er hat seinem HERRN und unserer Kirche Jahrzehnte lang in Ost-Deutschland gedient. Kurz nach seiner Versetzung in den Ruhestand erkrankte er und verlor seine Stimme. Er war darüber sehr traurig und enttäuscht, weil die Krankheit auch das Ende seiner Predigtdienste bedeutete. Dieser Bruder konnte nicht mehr sprechen, aber schreiben konnte er! Deswegen beschloss er, Andachten zu den Monatssprüchen aus der Bibel zu schreiben und unter Freunde und Interessierte zu verteilen. Auf diese Weise gibt er Gottes Wort weiter… seit 25 Jahren!

Erst gestern habIMG_5490e ich von diesem alten Bruder und seinem treuen Dienst erfahren. Er schrieb in seinem Brief, dass er meinen Namen in einer Kirchenzeitschrift gelesen hat, und dass er mich und meine Frau in seine Gebete eingeschlossen hat. Mit seinem Brief kam auch seine Auslegung zu dem Jahresspruch für 2015: “Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.” (Römer 15,7). Ich bin zutiefst berührt, so einen Brief zu bekommen. Zu wissen, dass es solche Menschen gibt, die an uns denken und für uns beten, ist etwas ganz besonders.

Zwei Ermutigungen, die mir deutlich zeigen, wie wichtig unser Beitrag und unser Einfluss im Leben sein kann. Oft wissen wir gar nicht, was für einen Einfluss wir auf Menschen haben. Oft sehen wir die Früchte unserer Bemühungen nicht. Vielleicht denken wir auch, dass unser Beitrag zu klein und zu unwichtig ist… ich kann nicht mehr predigen, sondern “nur” schreiben. Ich kann “nur” beten. Ich kann “nur” einen Seminartag in eurer Gemeinde machen. Was nützt das? Was bringt das?!

Mehr als du denkst. Bitte, niemals unterschätzen – dein Beitrag zählt!

Behalte es nicht für dich...
Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestEmail this to someone