Shared Space

Bin seit gestern nach zwei Wochen Urlaub wieder in Deutschland. Ich war mit meiner Frau und unserem Sohn in Chile, um unsere Tochter zu besuchen. Sie macht ein Auslandsjahr dort und arbeitet als Ehrenamtliche in einem Kindergarten in Santiago.

Chile ist ein wunderschönes Land. Wir haben viel sehen können, sind Tausende Kilometer gefahren und haben trotzdem nur das Bruchteil eines Prozentes des Landes entdecken können! Immer wenn ich im Ausland bin, interessiere ich mich für die Unterschiede zu meiner Heimat (egal ob Deutschland oder Nordirland). Die Sitten sind anders. Die Leute sehen vielleicht anders aus. Sie verhalten sich anders. Sie glauben anders. Sie essen anders. Und… sie fahren anders.

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Mann wartet, um die Autobahn zu überqueren

Die Autobahn “Ruta 5” läuft ca. 3500 Km durch ganz Chile – zweispurig mit 120 Km/h Tempolimit. Es gibt nicht zu viel Verkehr und die Straße ist im guten Zustand – über einer Strecke von ca. 3000 Km hatten wir nur ca. 5 Km Baustellen. Also ganz angenehm zu fahren. Aber ich bin diese Autobahn nicht lang gefahren, als ich gemerkt habe, dass sie anders ist als die Motorways in Europa. Ganz anders! Die Autobahn in Chile ist offensichtlich ein “Shared Space”, ein geteilter Platz, ein Platz nicht allein für PKWs und LKWs. Nein, hier sind alle gemeinsam unterwegs: Fahrräder fahren (in beide Richtungen!) auf dem Seitenstreifen (außer wenn sie die Autobahn überqueren wollen); Bushaltestellen die ganze Strecke entlang; Fußgänger (mit und ohne Hund (ohne Leine)), die den Seitenstreifen nutzen (außer wenn sie dann die Autobahn überqueren wollen, um auf den anderen Seitenstreifen zu laufen); Menschen auf Pferde; unglaublich viele Hühner, die am Rand und auf dem Seitenstreifen nach Futter suchen; Einkaufsbuden auf dem Seitenstreifen; Kreuzungen, wo Fahrzeuge die 4 Spuren der Autobahn (meistens heil) überqueren. Also, alles was es bei uns nicht gibt, gibt es hier bei der chilenischen Autobahn! Ich habe immer wieder staunen müssen und war oft sprachlos über das, was ich erlebt habe.

ABER… es funktioniert! Es geht! Für die Chilene ist es ganz normal. Jeder kennt die Regeln und weiß, wie er sich zu verhalten hat. Sogar die Hühner!

So verrückt wie dieses Chaos uns Europäer erscheint…es geht. Und warum? Sie nehmen Rücksicht aufeinander. Sie verstehen das Prinzip “Shared Space”. Sie teilen den Raum miteinander. So gelingt es ihnen, die ganze Strecke voll zu nutzen. Die Seitenstreifen ist nicht nur für kaputte stehengebliebene Autos da, sondern kann die ganze Zeit von Fußgänger und Fahrräder benutzt werden. Nun, ich habe nicht erforscht, ob die Todesfälle in Chile höher sind, als auf europäische Autobahnen, und ja, Sicherheit immer zuerst und so weiter und so fort….aber das Bild der chilenischen Autobahn macht mich nachdenklich. Zum Beispiel, wie wäre es, wenn unsere Kirchen zum Shared Space designiert wären. Multifunktional. Nicht nur sonntags benutzt, sondern von anderen Menschen an anderen Tagen. In überraschenden, unerwarteten Wegen? Ohne Leine? Was könnte Shared Space für die Kirche bedeuten?

Und was könnte die Idee von Shared Space für unsere Gesellschaft bedeuten? Auch hier werde ich nachdenklich. Bin ich bereit, mein “Space” mit anderen zu teilen? Dürfen auch andere hier “fahren”, oder ist es nur für Bestimmte erlaubt? Platz mit Gleichgesinnten zu teilen, ist vielleicht nicht so schwer. Aber bin ich bereit, Platz mit Andersdenkenden zu teilen? Interessiere ich mich lieber für ‘meine Rechte’, anstatt Rücksicht auf andere Menschen zu suchen? Nur so kann das Konzept “Shared Space” funktionieren.  Ja, Gesetze helfen, sind sogar nötig. Aber ich glaube, dass Shared Space eigentlich nur wirklich gelingen kann, wo Menschen locker, geduldig, rücksichtsvoll und demütig genug sind, tatsächlich teilen so wollen.

Übrigens, diese Erde ist ein Shared Space. Comprendez?

Blessings,

Barry

 

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